Wie lässt sich nachhaltige Chemie als Teil der globalen Transformation im Sinne der UN-Agenda 2030 voranbringen? Das ist die Aufgabe des Global Framework on Chemicals (GFC), das unter den Fittichen der UNEP arbeitet. Wir freuen uns, dazu einen Beitrag leisten zu dürfen. Dabei geht es im Rahmen eines Auftrags des Umweltbundesamts um drei Themenfelder:
1) Höhere Transparenz beim Recycling von Plastikprodukten – wie organisiert man dies mit Hilfe des digitalen Produktpasses?
2) Lässt sich die Prüfung von Alternativen für einen kritischen Stoff mit einem „hazard assessment“ vereinfachen?
3) Wie kann die deutsche Chemieindustrie in den nächsten 25 Jahren ihre Rohstoffbasis auf nicht-fossile Quellen umstellen?
Um was geht es beim GFC?
Anders als internationale Vereinbarungen zur Bekämpfung besonders kritischer Stoffe wie etwa die Stockholm Convention hat das 2023 gegründete GFC einen Netzwerk-Charakter. GFC bringt die jeweils verantwortlichen nationalen Stellen („national focal points“) mit international agierenden Chemieunternehmen, Industrieverbänden, Gewerkschaften und Umweltorganisationen sowie internationale Organisationen wie WHO, OECD oder ILO an einen Tisch. GFC arbeitet für eine Zukunft, in der „humanity benefits from chemicals in a safe and sustainable manner, while avoiding their negative impacts“. Es geht gleichermaßen um menschliche Gesundheit und globalen Umweltschutz, wobei national wie international „for strong governance mechanisms and enforcing international standards“ Sorge getragen werden soll. Der international abgestimmte Auftrag für das GFC nimmt ausdrücklich Bezug auf den Global Chemicals Outlook (2019): „Business as usual is not an option“ Die fünf strategischen Ziele mit ihren insgesamt 28 Teilzielen geben Raum für eine nachhaltigere Chemie: Es geht nicht mehr um einzelne Stoffe, sondern um den „Life Cycle“ von Stoffen und Produkten bis hin zum Abfall. Detaillierte Informationen zum GFC bietet das Umweltbundesamt.
Drei Schwerpunkte beim deutschen Beitrag für GFC
In dem Projekt (Umweltbundesamt, FKZ 3724 65 701 0), das vom Fachgebiet „Internationales Chemikalienmanagement“ betreut wird, werden drei Herausforderungen für die Chemiewirtschaft gemeinsam mit Fachleuten aus Forschungsinstituten, Industrie, Umweltorganisationen, und Behörden im Detail aufbereitet und mit dem Ziel einer Konsensbildung diskutiert.
1. Die Zusammensetzung chemischer Produkte ist häufig intransparent, vor allem, was Additive in Kunststoffen betrifft. Auf europäischer Ebene wird jetzt der digitale Produktpass eingeführt. Wie lässt er sich für die Information über Additive in Kunststoffprodukten für nachgelagerte Produktionsschritte, Verbraucher und Recyclingindustrie nutzen? Hier gibt es einen Spagat zwischen Betriebsgeheimnissen und notwendiger Transparenz. Wir diskutieren dies am Beispiel der Additive für Rezyklate, also Plastik aus der stofflichen Verwertung von Abfällen – ein Thema, bei dem die Recycling-Unternehmen in doppelter Weise betroffen sind.
2. Stoffe, die sich als gefährlich erwiesen haben (vor allem SVHC – substances of very high concern nach REACH), sollten so rasch wie möglich ersetzt werden. Lässt sich ein methodischer Rahmen finden, bei dem Alternativen im Sinne „inhärent sicherer Chemikalien“ zum Zuge kommen? Dies würde – ausschließlich für die Auswahl von alternativen Stoffen – eine methodische Änderung bei der Stoffbewertung erfordern, nämlich die Suche nach einem ungefährlichen Stoff („safe and sustainable by design“), bei dem die Expositions- und Risikoanalyse entfällt. Ein umstrittenes Thema auf europäischer Ebene.
3. Die sogenannte Energiewende, bei der fossile Quellen durch erneuerbare ersetzt werden, bedarf einer Ergänzung mit Blick auf Chemie-Rohstoffe, bisher noch weitgehend Öl und Erdgas. Dies bedeutet eine „Defossilierung der chemischen Industrie“, mithin also einen Wechsel zu Rohstoffen aus erneuerbaren Quellen (Bioökonomie), Stoffen aus Rezyklaten und Syntheseprodukten auf Basis von Kohlendioxid und Wasserstoff. Hier stehen die Möglichkeiten und Hindernisse für die Versorgung der deutschen chemischen Industrie beim Übergang von fossilen zu erneuerbaren Kohlenstoffquellen im Mittelpunkt. Die Umsetzung der „Defossilisierung“ erfordert gewaltige Investitionen in neue Chemie-Anlagen im Laufe der kommenden zwanzig Jahre wie auch die Sicherung der Versorgung mit nicht-fossilen Rohstoffen. Wie lässt sich das so gestalten, dass die deutsche Chemieindustrie erfolgreich bleibt?
Zwischenstand
Zunächst wurde für jedes der drei Themen eine umfangreiche Analyse der wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Grundlagen durchgeführt, auf deren Basis Interview-Leitfäden entstanden. Zwischen Mai 2025 und Januar 2026 wurden ca. einhundert strukturierte Gespräche mit einzelnen Fachleuten geführt, die eine Fülle von Erkenntnissen brachten, die dann in Fortschrittsberichten zusammengefasst wurden. Herzlichen Dank an unsere Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner!
Daraus wurden für die ersten beiden Themenfelder Thesen erarbeitet, die zur Zeit in Arbeitsgruppen intensiv diskutiert werden. Das Themenfeld „Defossilisierung“ wurde nicht weitergeführt, da sich der Umfang der Projektarbeit wesentlich größer erwies als geplant. In den Arbeitsgruppen werden die Positionen der Stakeholder ausgetauscht, Mißverständnisse ausgeräumt und gemeinsam getragene Lösungen für die weitere Entwicklung entwickelt. Angesichts der zum Teil weit auseinander liegenden Standpunkte und unterschiedlichen Interessen wird eine Konsensbildung sehr schwierig. Zumindest wollen wir aber „Konsente“ erzielen, bei denen es nicht der Zustimmung der Beteiligten bedarf, es aber zumindest keine explizit geäußerte Ablehnung gibt. Wesentlich ist die Erfassung der ggf. noch divergierenden Meinungen und deren Begründung. Die Arbeitsgruppen sollen bis August diesen Jahres ihre Gespräche abschließen.
Sämtliche Ergebnisse werden im Laufe des Jahres in einer Konferenz vorgestellt und in einem darauf folgenden Bericht des Umweltbundesamts veröffentlicht. Alle drei Fragestellungen sind für den zukünftigen Umgang mit Chemikalien in Europa bzw. für die Entwicklung der deutschen Chemieindustrie von hoher Bedeutung und können beispielhaft für die Diskussionen im globalen Netzwerk eingesetzt werden. Wir hoffen sehr, dass wir mit den beteiligten Fachleuten Wege aufzeigen können, die gemeinsam begangen und soweit nötig politisch abgesichert werden können.
Mit wem arbeiten wir zusammen?
Wir freuen uns, dass wir diese Aufgabe gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen angehen, die bereits bei der Erarbeitung geeigneter Indikatoren für SAICM bzw. die Nachfolge-Organisation GFC mit beteiligt waren: BZL GmbH, dem Center for Sustainable Consumption and Production und der Akademie Dr. Obladen (siehe Blogs vom 28.8.2023 und vom 27.09.2024).